CHRISTOPH POST

Burnout früh erkennen: Orientierung, Warnsignale und mögliche Handlungsfelder

Burnout früh erkennen: Orientierung, Warnsignale und mögliche Handlungsfelder

Burnout beginnt selten dort, wo plötzlich nichts mehr geht.

Oft beginnt es viel früher.

Mit dem Gefühl, sich beweisen zu müssen.
Mit noch mehr Einsatz.
Mit dem Zurückstellen eigener Bedürfnisse.
Mit schlechterer Erholung.
Und mit der Hoffnung, dass es schon irgendwie weitergehen wird.

Genau darin liegt eine der Schwierigkeiten: Viele frühe Warnsignale wirken zunächst gar nicht dramatisch. Mehr Einsatz kann schließlich auch Engagement bedeuten. Das eigene Bedürfnis zurückzustellen, kann zeitweise notwendig sein. Eine anstrengende Phase gehört zum Leben dazu.

Problematisch wird es dann, wenn aus einer vorübergehenden Belastung ein Dauerzustand wird. Wenn Erholung nicht mehr gelingt. Wenn der innere Druck steigt. Wenn Rückzug beginnt. Oder wenn die eigene Leistungsfähigkeit nur noch durch immer mehr Anstrengung aufrechterhalten werden kann.

Die zwölf Burnout-Phasen als Orientierung

Das Modell der zwölf Burnout-Phasen geht auf Herbert Freudenberger und Gail North zurück. Es beschreibt eine mögliche Entwicklung von einem starken inneren Beweisdruck über zunehmende Vernachlässigung eigener Bedürfnisse bis hin zu tiefer Erschöpfung.

Wichtig ist mir dabei: Das Modell ist keine Diagnose und kein festgelegter Ablauf. Nicht jeder Mensch durchläuft alle zwölf Phasen. Auch die Reihenfolge muss nicht bei allen gleich sein. Das Modell kann aber helfen, Veränderungen sichtbar und besprechbar zu machen.

Für meine Darstellung habe ich die zwölf Phasen zusätzlich drei Belastungsbereichen zugeordnet:

  • Alarm
  • Widerstand
  • Erschöpfung

Diese Einteilung lehnt sich an das Stressmodell von Hans Selye an. Auch diese Verbindung ist als didaktische Orientierung gedacht, nicht als klinische Einordnung.

Gerade das macht die Grafik für mich hilfreich: Sie zeigt nicht nur einen möglichen Verlauf, sondern auch, dass Burnout selten plötzlich entsteht. Häufig gibt es vorher Signale. Die entscheidende Frage ist, ob diese wahrgenommen und ernst genommen werden.

Alarm: Wenn mehr Einsatz noch nach Stärke aussieht

In den frühen Phasen kann die Person nach außen weiterhin sehr leistungsfähig wirken.

Vielleicht sogar leistungsfähiger als zuvor.

Der Einsatz steigt. Aufgaben werden noch gewissenhafter erledigt. Verantwortung wird übernommen. Pausen werden verschoben. Eigene Bedürfnisse erscheinen weniger wichtig als das, was gerade erledigt werden muss.

Das kann lange positiv bewertet werden – von der Person selbst und auch vom Umfeld.

Typische Gedanken können sein:

„Das bekomme ich noch hin.“
„Ich darf jetzt niemanden hängen lassen.“
„Nach diesem Projekt wird es wieder ruhiger.“
„Andere schaffen das schließlich auch.“

Gerade Menschen, die viel leisten, Verantwortung übernehmen oder andere unterstützen, können frühe Warnsignale gut übersteuern. Sie sind daran gewöhnt, Lösungen zu finden und weiterzumachen.

Deshalb reicht es oft nicht, nur zu wissen, dass Pausen wichtig sind. Entscheidend ist, wahrzunehmen, was sich tatsächlich verändert.

Schlafe ich schlechter?
Bin ich schneller gereizt?
Kreise ich auch in meiner Freizeit ständig um die Arbeit?
Fällt es mir schwerer, abzuschalten?
Wird aus meinem Engagement langsam ein Zwang?
Welche Bedürfnisse stelle ich dauerhaft zurück?

In dieser Phase ist meist noch Handlungsspielraum vorhanden. Genau deshalb ist Früherkennung so wichtig.

Widerstand: Wenn Belastung kompensiert wird

In der Widerstandsphase wird die Belastung häufig nicht mehr nur erlebt, sondern zunehmend kompensiert.

Probleme werden kleingeredet. Warnsignale werden verdrängt. Konflikte vermieden. Der Rückzug nimmt zu. Vielleicht verändert sich das Verhalten gegenüber Kolleginnen, Kollegen, Familie oder Freunden.

Man funktioniert weiter, aber das Funktionieren kostet immer mehr Kraft.

Häufig beginnt hier auch eine innere Verschiebung. Dinge, die früher wichtig waren, verlieren an Bedeutung. Beziehungen werden anstrengender. Erholung fühlt sich nicht mehr erholsam an. Gleichzeitig fällt es schwer, etwas zu verändern, weil jede Veränderung zunächst zusätzliche Energie benötigt.

Die Fragen werden dann konkreter:

Was ist längst zum Dauerzustand geworden?
Was verstärke ich durch mein eigenes Verhalten?
Welche Anforderungen sind realistisch – und welche nicht?
Wo brauche ich Unterstützung?
Welche Rahmenbedingungen müssten sich verändern?
Was kann ich beeinflussen, und was liegt außerhalb meines Einflusses?

Spätestens hier sollte Unterstützung nicht erst als letzter Ausweg verstanden werden.

Das kann ein Gespräch mit der Führungskraft sein. Eine Klärung im Team. Unterstützung aus dem privaten Umfeld. Eine Beratung, ein Coaching oder eine erste ärztliche Abklärung.

Es geht nicht darum, jede Belastung sofort zu pathologisieren. Es geht darum, nicht so lange allein weiterzumachen, bis kaum noch Handlungsspielraum vorhanden ist.

Erschöpfung: Wenn professionelle Unterstützung wichtig wird

Bei deutlicher Erschöpfung verändern sich die Prioritäten.

Dann geht es nicht mehr zuerst um Leistungsoptimierung, bessere Selbstorganisation oder die nächste Reflexionsübung. Es geht um Entlastung, Schutz und fachliche Abklärung.

Mögliche Hinweise können sein:

  • starke und anhaltende Erschöpfung
  • innere Leere oder Hoffnungslosigkeit
  • deutlicher sozialer Rückzug
  • depressive Symptome
  • starke Einschränkungen im Alltag oder im Beruf
  • das Gefühl, kaum noch handlungsfähig zu sein

Burnout wird in der ICD-11 als arbeitsbezogenes Phänomen beschrieben, das aus chronischem, nicht erfolgreich bewältigtem Arbeitsstress entsteht. Es gilt dort nicht als eigenständige medizinische Erkrankung. Gerade deshalb ist eine fachliche Abklärung wichtig: Hinter starker Erschöpfung können auch Depressionen, Angststörungen, Schlafstörungen oder körperliche Erkrankungen stehen. (Weltgesundheitsorganisation)

Ab einem gewissen Belastungsgrad braucht es daher psychotherapeutische und/oder ärztliche Unterstützung.

Das ist kein Scheitern.

Und es ist auch kein Zeichen von Schwäche.

Es ist ein Zeichen von Stärke, die eigene Situation ernst zu nehmen, das Bewusstsein zu schärfen und sich Hilfe zu holen.

Der Weg daraus ist kein Patentrezept

Nach meinem ersten Beitrag zu den zwölf Burnout-Phasen wurde ich häufig gefragt:

„Wie kommt man da wieder heraus?“

Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht.

Der Weg hängt davon ab, wie stark die Belastung ist, wie lange sie bereits anhält, welche Lebensbereiche betroffen sind und welche Ressourcen noch vorhanden sind.

Deshalb zeigt meine zweite Grafik keine feste Anleitung. Sie zeigt mögliche Handlungsfelder.

Die Grafik unterscheidet zwischen frühen Warnzeichen, zunehmender Belastung und deutlicher Erschöpfung. Gleichzeitig schaut sie auf vier Einflussbereiche:

  • die Person
  • die Arbeit
  • das private Umfeld
  • die vorhandenen Ressourcen

Diese vier Perspektiven sind mir wichtig, weil Burnout nicht sinnvoll verstanden werden kann, wenn man nur auf einen einzigen Bereich schaut.

1. Die Person

Persönliche Muster können eine Rolle spielen.

Dazu gehören beispielsweise:

  • hohe eigene Ansprüche
  • Perfektionismus
  • ein starkes Verantwortungsgefühl
  • der Wunsch, gebraucht oder anerkannt zu werden
  • Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen
  • die Tendenz, Konflikte zu vermeiden
  • das Bedürfnis, alles unter Kontrolle zu behalten

Das bedeutet nicht, dass die betroffene Person selbst „schuld“ ist. Es bedeutet lediglich, dass persönliche Muster beeinflussen können, wie jemand mit Belastungen umgeht und wie lange Warnsignale übergangen werden.

Selbstreflexion kann helfen, diese Muster früher zu erkennen:

Was treibt mich an?
Was glaube ich leisten zu müssen?
Was passiert, wenn ich Nein sage?
Welche Erwartungen stelle ich an mich selbst?
Welche Bedürfnisse kommen dauerhaft zu kurz?

2. Die Arbeit

Burnout ist nach ICD-11 ausdrücklich dem beruflichen Kontext zugeordnet. (Weltgesundheitsorganisation)

Deshalb muss der Blick immer auch auf die Arbeitsbedingungen gehen:

  • Ist die Arbeitsmenge dauerhaft zu hoch?
  • Sind Prioritäten klar?
  • Gibt es widersprüchliche Erwartungen?
  • Wie wird geführt?
  • Bestehen Handlungsspielräume?
  • Wird gute Leistung überhaupt noch wahrgenommen?
  • Sind Rollen und Verantwortlichkeiten geklärt?
  • Können Probleme offen angesprochen werden?
  • Gibt es Unterstützung im Team?

Selbstreflexion darf nicht dazu führen, dass Menschen lernen sollen, dauerhaft schlechte Bedingungen besser auszuhalten.

Sie kann vielmehr zu der Erkenntnis führen:

Diese Aufgabe muss anders organisiert werden.
Diese Erwartung ist nicht realistisch.
Dieser Konflikt muss angesprochen werden.
Diese Rolle passt so nicht mehr.
Oder: Dieses Umfeld tut mir dauerhaft nicht gut.

3. Das private Umfeld

Auch wenn Burnout arbeitsbezogen eingeordnet wird, lebt kein Mensch ausschließlich in seinem Beruf.

Pflege eines Angehörigen, eine schwierige Beziehung, Trennung, finanzielle Sorgen, Ängste, Krankheit, Konflikte oder Verluste können zusätzlich Kraft binden.

Die gleiche berufliche Situation kann deshalb auf zwei Menschen vollkommen unterschiedlich wirken.

Nicht, weil einer stärker und der andere schwächer ist. Sondern weil die Gesamtbelastung und die verfügbaren Ressourcen unterschiedlich sind.

Deshalb gehört zur Betrachtung immer auch die Frage:

Was beschäftigt die Person zusätzlich?
Wo fehlt Entlastung?
Welche privaten Belastungen laufen schon lange mit?
Welche Unterstützung ist vorhanden – und welche fehlt?

4. Die Ressourcen

Ressourcen werden häufig erst dann betrachtet, wenn sie fast aufgebraucht sind.

Dazu gehören:

  • Schlaf
  • Erholung
  • Bewegung
  • soziale Kontakte
  • Zeit
  • Gesundheit
  • finanzielle Sicherheit
  • Handlungsspielräume
  • Sinn
  • Interessen außerhalb der Arbeit

Ressourcen sind keine Dekoration neben der eigentlichen Leistung. Sie sind eine Voraussetzung dafür, Belastungen über längere Zeit bewältigen zu können.

Die Frage lautet deshalb nicht nur:

„Wie viel Belastung habe ich?“

Sondern auch:

„Was steht mir zur Verfügung, um damit umzugehen?“

Was Coaching leisten kann – und was nicht

Auch als Coach komme ich mit Erschöpfungs- und Burnout-Themen in Berührung.

Dann gilt es, sehr genau hinzusehen:

Was sagt der Klient selbst über seine Situation?
Was beobachte ich im Gespräch?
Wie handlungsfähig ist die Person noch?
Kann sie Entscheidungen treffen und umsetzen?
Ist ausreichend Selbststeuerung vorhanden?
Und wo liegen die Grenzen meines Coachings?

Coaching kann dabei helfen,

  • die eigene Situation zu sortieren
  • Belastungen und Muster zu erkennen
  • Klarheit über Bedürfnisse und Grenzen zu gewinnen
  • Gespräche vorzubereiten
  • Entscheidungen zu entwickeln
  • Rahmenbedingungen zu hinterfragen
  • erste Veränderungen anzustoßen

Als Coach löse ich nicht die Probleme meiner Klienten.

Ich begleite sie dabei, ihre Situation einzuordnen, eigene Entscheidungen zu treffen und nächste Schritte zu entwickeln.

Genauso gehört es zu professionellem Coaching, den Coachingrahmen nicht zu überschätzen.

Wenn die Erschöpfung stark zunimmt, depressive Symptome auftreten oder die Handlungsfähigkeit deutlich eingeschränkt ist, braucht es psychotherapeutische und/oder ärztliche Fachpersonen.

Ich muss als Coach meine Grenzen kennen.

Und ich muss sie auch benennen können.

Nicht alles gehört in ein Coaching. Manchmal kann Coaching ergänzend sinnvoll sein. Manchmal erst zu einem späteren Zeitpunkt. Und manchmal ist es zunächst nicht der passende Rahmen.

Das offen anzusprechen, ist für mich kein Rückzug aus Verantwortung.

Es ist Teil professioneller Begleitung.

Burnout ist kein Zeichen von Schwäche

Viele Betroffene haben über lange Zeit sehr viel getragen.

Sie haben Verantwortung übernommen, funktioniert, Probleme gelöst und häufig versucht, andere nicht zu belasten.

Genau deshalb kann es so schwer sein, die eigene Erschöpfung anzuerkennen.

Burnout ist kein Zeichen von Schwäche.

Stärke zeigt sich nicht nur darin, lange durchzuhalten.

Stärke kann auch bedeuten,

  • die eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen
  • Grenzen anzuerkennen
  • frühzeitig ein Gespräch zu suchen
  • Unterstützung anzunehmen
  • Bedingungen zu verändern
  • oder eine Situation zu verlassen, die dauerhaft krank macht

Oft ist Burnout das Ergebnis einer Entwicklung, die zu lange überhört, überspielt oder ausgehalten wurde.

Umso wichtiger ist es, früh hinzuschauen.

Nicht aus Angst.

Sondern um Handlungsspielräume zu erhalten.


Quellenhinweis

Das Modell der zwölf Burnout-Phasen wird Herbert Freudenberger und Gail North zugeschrieben. Es dient vor allem der Orientierung und beschreibt keinen für alle Menschen verbindlichen Verlauf. Auch die Einordnung in Alarm, Widerstand und Erschöpfung ist eine didaktische Verbindung mit dem Stressmodell nach Hans Selye. Die drei Bereiche des Allgemeinen Anpassungssyndroms werden als Alarm, Widerstand beziehungsweise Anpassung und Erschöpfung beschrieben. (ResearchGate)

Hinweis: Der Artikel und die Grafiken ersetzen keine Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltender oder starker Erschöpfung, depressiven Symptomen oder deutlich eingeschränkter Handlungsfähigkeit ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung sinnvoll.